KLM e. V. - Presse + Medien - 2002 - Die Langen kommen oft zu kurz
Die Langen kommen oft zu kurz
Groß gewachsene Zeitgenossen haben eigene Probleme: Sie ziehen Blicke auf sich, ob sie wollen oder nicht. Ein Kurzbesuch in der Welt der Langen
Lampenwechsel schafft Rudi Burr dank seiner Körpergröße ohne jedes
Hilfsmittel. (Fotos: Gehner/Teamwork)
Spielst du Basketball?" Diese oder ähnliche Fragen hat Holger Steen schon ziemlich oft gehört in seinem Leben. Er ärgert sich nicht, wenn wildfremde Menschen ihn auf seine Körpergröße ansprechen. "Die Leute freuen sich, wenn sie einen Witz machen können. Und sie meinen es auch nicht böse. Ich würde eher sagen, dass sie Respekt und Bewunderung für große Menschen haben.Oft entsteht ein richtiger Sicherheitsabstand um mich herum, zum Beispiel bei Konzerten oder in Menschenmassen. Wahrscheinlich sehen die Leute aus dem Augenwinkel, dass da etwas Großes kommt und halten sicherheitshalber lieber Abstand."Holger Steen ist 2,07 Meter groß. Der Hamburger Künstler erinnert sich an eine Begebenheit in der Mailänder U-Bahn. Dort stand er zur Rush-Hour auf dem Bahnsteig, um sich herum Hunderte von Italienern, alle kleiner als er: "Auf einmal war es in der ganzen U-Bahn-Station still. Alle starrten mich an. Dann fingen drei kleine Mädchen an zu kichern und kurz darauf lachte die ganze Halle. Als die U-Bahn kam, stiegen wir ein und das Lachen fuhr in zwei Richtungen davon."
Die Deutschen werden immer größer: 1,81 Meter misst ein durchschnittlich großer deutscher Mann heute, eine Frau 1,68 Meter. Alle zehn Jahre nimmt die durchschnittliche Größe um etwa einen Zentimeter zu. Rund drei Prozent aller Deutschen sind laut medizinischer Definition hochwüchsig, insgesamt fast eine Viertelmillion Menschen.Frauen gelten ab einer Größe von circa 180 Zentimetern als hochwüchsig, Männer ab 193 Zentimeter. Der Klub Langer Menschen (KLM) im Westen Deutschlands und der Klub der Großen (KdG) im Osten vertreten die Interessen der Langen und bieten Beratung sowie gesellige Veranstaltungen an. Der KLM gibt den "Langen Katalog" heraus, in dem die Mitglieder Händler in ihrer Nähe finden, die Produkte und Dienstleistungen für lange Menschen anbieten. Eine Auswahl aus dem Katalog: Damen-Tanzschuhe in großen Größen, Küchenmöbel für Lange oder Hotels mit Betten ohne Fußende. Insgesamt knapp 4000 Lange sind in den beiden Klubs organisiert.
Werner Schneider, 83 Jahre alt, Gründer und Ehrenvorsitzender des Klubs Langer Menschen aus dem hessischen Schwalbach, erinnert sich an die Anfänge des Klubs, den er 1954 ins Leben gerufen hat: "Wir hatten gerade erst mit bundesweit rund 100 Mitgliedern angefangen, als ich erfahren habe, dass Paul Adenauer, Sohn des ersten deutschen Bundeskanzlers, 1,96 Meter misst. Ich habe ihn angeschrieben und gefragt, ob er nicht bei uns Mitglied werden will. Das hat er gemacht, ich habe es den Zeitungen gemeldet und alle haben es veröffentlicht. Daraufhin hatten wir einen Schwung von ungefähr 2000 Leuten, die bei uns eingetreten sind." Werner Schneider hat die Erfahrung gemacht, dass der Klub besonders für große Frauen segensreich ist. "Viele von unseren langen Frauen haben sich doch gar nicht auf Tanzveranstaltungen getraut, weil sie dort nicht aufgefordert worden sind. Im Klub haben sie Männer getroffen, die sogar größer waren als sie. Die sind ja förmlich aufgeblüht!" 1999 hat Bundespräsident Johannes Rau Werner Schneider für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Ute Mahlstedt ist Mitglied in der Hamburger Gruppe des KLM. Die 35 Jahre alte Frau hat keine Probleme mit ihrer Körpergröße von 1,86 Metern: "Das ist für mich nichts Besonderes. Allerdings ist es schon schwierig, mit der Mode zu gehen. Jeans und Sweatshirts sind nicht schwer zu bekommen, aber hübsche Kleider sind eine Rarität. Und teuer!" Ute Mahlstedt schätzt, dass große Menschen für Kleider, Möbel und andere Dinge des täglichen Lebens einen "Aufschlag" von etwa 10 bis 15 Prozent zahlen. Außerdem müssen sie sich mit zu wenig Platz in öffentlichen Verkehrsmitteln herumärgern, passen in die meisten Hotelbetten nicht hinein und stoßen sich die Köpfe an niedrigen Türrahmen. Aber die junge Frau sieht auch Vorteile für große Menschen: "Ich spiele Volleyball. Da helfen mir meine zusätzlichen zehn Zentimeter, wenn ich die Schmetterbälle der Gegnerinnen abblocke."
Neben den Vor- und Nachteilen, die große Menschen im Alltag haben, bestehen auch gesundheitliche Risiken für Lange. So neigt der lang gestreckte Oberkörper zu Wirbelsäulenveränderungen wie Kyphosen (Rundrücken), Lordosen (Hohlrücken) und Skoliosen (Verbiegung der Wirbelsäule zu einer Seite). Außerdem tun sich große Menschen schwerer mit Partnerschaften als normalwüchsige und können durch ein vermindertes Selbstbewusstsein zu Depressionen neigen. Professor Dr. Rolf Peter Willig leitet als Oberarzt die Hormonsprechstunde für Kinder und Jugendliche des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Er behandelt Mädchen und Jungen, die aller Voraussicht nach größer als 1,85 Meter beziehungsweise 2,05 Meter werden. Der Arzt therapiert die Kinder mit Sexualhormonen, die zunächst ein schnelleres Wachstum bewirken, insgesamt aber das Wachstum der jungen Patienten bremsen.
Mädchen "sparen" bei dieser Behandlung bis zu 10 Zentimeter, Jungen bis zu 15. Zwar müssen die Kinder Nebenwirkungen wie ein erhöhtes Thromboserisiko oder Ödeme (Wasseransammlungen in Gewebsspalten der Haut) in Kauf nehmen. Die positiven Effekte der Therapie überwiegen jedoch die Nachteile. Die Behandlung wird nur auf ausdrücklichen Wunsch beider Elternteile und des betreffenden Kindes durchgeführt. Professor Willig beobachtet bei seinen Patienten erheblichen Leidensdruck: "Oft kommen große Eltern sorgenvoll mit ihren großen Kindern in die Sprechstunde. Die Eltern haben am eigenen Leib Spott, Hänseleien und alltägliche Probleme erlebt. All dies möchten sie ihren Kindern ersparen."Eine Frau vom Hamburger Langen-Stammtisch bestätigt diese Einschätzung. Sie erinnert sich an ihre eigene Jugend, in der sie darunter gelitten hat, groß zu sein: "Es war unheimlich schwierig, einen Freund zu finden. Alles Wachstum ging bei mir in die Länge, aber nicht an die Stellen, mit denen man bei Männern punkten kann. Mein Selbstbewusstsein habe ich erst in dieser Gruppe aufgebaut. Hier habe ich dann auch meinen Partner kennen gelernt. Da bin ich übrigens nicht die Einzige - mehr als 100 Ehen hat es bisher bei uns gegeben!"
Für Lange, die ähnliche Probleme haben oder einfach nur ihre Freizeit mit Gleichgesinnten verbringen möchten, gibt es in allen Regionen Deutschlands und auch weltweit Bezirksverbände der Klubs. Interessierte finden Ansprechpartner im Internet unter www.klub-langer-menschen.de oder unter www.kdg-deutschland.de.
Jörg Siebels
8.2.2002
