Presse + Medien - 2005 - Generation XXL - KLM e. V.
Generation XXL
Junge Frauen und Männer in Deutschland werden immer größer. Soll man das Wachstum hormonell bremsen?
Das "preußische Gardemaß" ist zur läppischen Norm geworden: Die Mindestgröße der berühmten "langen Kerls" des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. von 1,80 Meter wird mittlerweile von jedem zweiten jungen Mann in Deutschland überragt. Schon ein durchschnittlicher erwachsener Westdeutscher bringt es auf 179,72 cm, sein ostdeutscher Kollege ist 178,52 cm groß. Aber jeder vierte junge Deutsche misst 185 cm und mehr, drei Prozent ragen sogar mehr als 196 Zentimeter in die Höhe.
Auch von den jungen Frauen gehören immer mehr zur "XXL-Generation": Während durchschnittliche Westfrauen 166,93 cm und Frauen im Osten 165,68 cm erreichen, wächst jedes zehnte junge Mädchen auf mindestens 1,75 Meter, drei Prozent liegen über 1,81. Der "Klub Langer Menschen" diskutiert deshalb schon lange eine Änderung seiner Mitgliedschaftskriterien: Heute nimmt der rund 3500 Mitglieder zählende Klub Männer ab 190 Zentimeter und Frauen ab 180 Zentimeter in seine Reihen auf.
Schießt ein Junge stark in die Höhe, sehen das seine Eltern meist mit Wohlgefallen. Für großwüchsige Mädchen dagegen werden häufiger Nachteile befürchtet, vor allem Schwierigkeiten bei der Partnersuche. Es taucht deshalb die Frage auf: Soll man diese Kinder mit Hormonen bremsen oder nicht? Und ist eine Behandlung heute überhaupt noch gerechtfertigt?
Auf diese Frage gibt es nur individuelle Antworten. Hochwuchs ist keine Krankheit, "muss" also auch nicht behandelt werden. Über die Endgrößen, bei denen der Einsatz der "Wachstumsbremse" gerechtfertigt ist, sind sich auch Experten nicht einig, einige lehnen den hormonellen Eingriff ins Wachstum sogar strikt ab. Professor Dr. Jürgen H. Brämswig von der Universitätskinderklinik Münster: "Die Empfehlungen schwanken zwischen einer errechneten voraussichtlichen Endgröße von 195 und 205 Zentimetern bei Jungen und zwischen 175 und 185 Zentimetern bei Mädchen. Die Arbeitsgemeinschaft pädiatrische Endokrinologie zieht bei entsprechendem Therapiewunsch der Betroffenen und der Eltern eine Behandlung ab einer Körperhöhe von 205 Zentimetern bei Jungen und 185 Zentimetern bei Mädchen in Erwägung."
Zur Vorhersage der späteren Endgröße ist eine Bestimmung des biologischen Alters notwendig. Dieses "Skelettalter" ist nicht immer identisch mit dem Lebensalter des Kindes. Die Reifestufe lässt sich anhand einer Röntgenaufnahme der Handwurzelknochen der linken Hand feststellen. Anhand einer Tabelle wird ermittelt, wie viel Wachstumspotenzial noch vorhanden ist. Die Trefferquote liegt zwischen 70 und 80 Prozent.
Wesentlich ungenauer, aber leichter auszurechnen ist die Faustregel, mit der sich die durchschnittliche spätere Größe eines Kindes aus der Größe seiner Eltern abschätzen lässt. Sie lautet für
Mädchen: (Körperlänge Vater plus Körperlänge Mutter) mal 0,5 minus sechs Zentimeter; Knaben: (Körperlänge Vater plus Körperlänge Mutter) mal 0,5 plus sechs Zentimeter.
Vor Einsatz des hormonellen Wachstumsskalpells sollten sich Eltern allerdings darüber im Klaren sein, was sie erwartet: Die Behandlung erfolgt mit Sexualhormonen, die die Knochenreife beschleunigen und damit die Wachstumsdauer abkürzen. Jungen bekommen alle 14 Tage Testosteron gespritzt, Mädchen müssen täglich Östrogene einnehmen. Selbst bei frühzeitigem Beginn der Behandlung (bei Jungen bei einem Knochenalter von 12 bis 13 Jahren, bei Mädchen von 10 bis 11 Jahren) wird die vorher errechnete Endgröße lediglich um acht bis zehn Zentimeter reduziert. Und das nach einer Behandlungsdauer von eineinhalb bis zwei Jahren!
Die Hormontherapie gefährdet zwar nicht die Gesundheit, ist jedoch oft mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden: Bei Mädchen werden besonders häufig Gewichtszunahme, Übelkeit, Hautpigmentierungen, unregelmäßige Blutungen, Akne, nächtliche Beinkrämpfe und eine Erhöhung des Blutdrucks beobachtet. Bei Jungen kommt es ebenfalls häufig zu Akne, oft auch zu erhöhter Aggressivität. Die Hoden können vorübergehend kleiner werden. Ob die Behandlung eine spätere Schädigung der Prostata nach sich zieht, ist noch unklar.
Groß zu sein tut nicht weh. Gesundheitliche Schäden müssen große Menschen nicht befürchten. Ausnahme: Sie entwickeln sehr häufig Haltungsschäden und bekommen Rücken- und Gelenkbeschwerden. Große Menschen ziehen meist den Kopf ein und gehen häufig leicht gebeugt.
Dafür zahlt sich Größe - zumindest bei Männern - in barer Münze aus: Nach neuesten Erhebungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftforschung DIW geht jeder zusätzliche Zentimeter mit knapp 0,6 Prozent mehr Brutto-Monatsgehalt einher. Studienleiter Guido Heineck: "Auf den ersten Blick mag dies wie ein zu vernachlässigender Aspekt erscheinen. Betrachtet man jedoch z.B. zwei ansonsten gleich qualifizierte Männer, die sich nur in ihrer Körpergröße um 10 Zentimeter unterscheiden, schlägt der ,Höhenvorteil" des Größeren übers Jahr gerechnet mit etwa 2000 Euro zu Buche." Große Menschen stoßen allerdings im Alltag ständig auf Probleme:
Die Betten sind zu kurz, die Stühle zu niedrig. Anzüge und Kleider in passender Größe sind selten vorrätig und modische Damenschuhe sind ab Größe 42 kaum zu finden. Die jungen Bohnenstangen selbst werden mit den Problemen anscheinend leicht fertig. Schwerer tun sich meist ihre Eltern. Wachstumsspezialist Prof. Dr. Lothar Reinken aus Hamm/Westfalen: "Wenn uns Kinder mit der Frage vorgestellt werden, ob ihr Wachstum vielleicht mit Hormonen gebremst werden soll, sind es fast immer nur die Eltern, die sich um die Zukunft des zu groß geratenen Kindes Sorgen machen und nicht die Kinder selbst".