Presse + Medien - 2003 - Leben im XXL-Format: «Eigentlich nur Nachteile» - KLM e. V.
Leben im XXL-Format: «Eigentlich nur Nachteile»
Mitteldeutsche Zeitung vom 7. Juni 2003 von Sabine Maurer
Frankfurt/Main/dpa.
Zu kurz, zu eng oder zu niedrig - auf diese drei Schwierigkeiten stößt Monika Witterhold aus der Nähe von Frankfurt schon fast ihr ganzes Leben. Die 40-Jährige ist 1,91 Meter groß und mit ihrer Körperlänge wenig glücklich: «Ich wünschte, ich wäre zehn Zentimeter kleiner.» Denn das Leben im XXL-Format bringe jede Menge Probleme mit sich.
So geht Witterhold bei nassem Wetter nur ungern auf belebte Straßen, aus Angst, dass ihr jemand aus Versehen einen Regenschirm ins Auge piekt. 2,22 Meter misst derzeit der größte Mann Deutschlands, die längste Frau 2,06 Meter. Viele dieser groß gewachsenen Menschen haben sich wie Witterhold im Klub Langer Menschen (KLM) zusammengeschlossen, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert.
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Weil die meisten Alltagsgegenstände für durchschnittlich große Nutzer konzipiert sind, rammen sich Menschen mit Gardemaß an Duschköpfen, quetschen im Flugzeug oder Kino ihre Beine zwischen die Sitze und brauchen auch als Alleinreisende in Hotels ein Doppelbett. Ihre Kleidung müssen sie in teuren Spezialgeschäften kaufen.
Mit den vielen Hindernissen ihres Alltags hat sich Witterhold einigermaßen arrangiert. Das Verhalten ihrer Mitmenschen allerdings geht ihr manchmal gehörig auf die Nerven: Viele starrten sie auf der Straße unverblümt an. Dann wolle sie sich am liebsten verstecken und wünsche sich eine normale Größe. Lästig seien ihr auch immer wieder kehrende Fragen nach ihrer Körperlänge. «Ich kann es nicht mehr hören, und ich finde es auch unverschämt. Schließlich frage ich auch keinen, wie viel er wiegt.» Eine dieser Standardfragen sei, ob sie Basketball spiele. An schlechten Tagen antworte sie darauf: «Nein. Spielen Sie Minigolf?»
Ihre Größe bereitet Monika Witterhold schon Probleme, seit sie denken kann. Als Vierjährige wurde sie von einem Arzt getadelt, weil sie noch nicht lesen konnte. Der Mediziner hatte sie wegen ihrer Größe für ein Schulmädchen gehalten. In der Pubertät überragte sie sämtliche Jungs in ihrer Klasse, die Suche nach einem Freund war schwierig. Bis heute ist es ihr peinlich, in der Öffentlichkeit mit einem kleineren Mann zu tanzen.
«Extrem lange Menschen haben eigentlich nur Nachteile. Viele leiden unter ihrer Größe», sagt Prof. Georg Kenntner von der Universität Karlsruhe. Der Sportwissenschaftler befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit der menschlichen Körpergröße. Zu den Schwierigkeiten mit Gebrauchsgegenständen und bei der Partnersuche kämen bei überlangen Menschen oft gesundheitliche Probleme - vor allem an der Wirbelsäule und mit dem Kreislauf.
Wenn die Menschen in Deutschland im Durchschnitt weiter so wachsen wie im letzten Jahrhundert, wird ein heutiges Gardemaß im Jahr 2060 normal sein. Ein Durchschnittsmann könnte dann 1,94 Meter, eine Frau 1,80 Meter groß sein, hat Kenntner errechnet. Nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden misst ein durchschnittlicher Mann heute 1,80 Meter und eine Frau 1,68 Meter. Ab etwa zehn Zentimetern oberhalb dieser Größen gelten Menschen als hochwüchsig. Das sind derzeit etwa drei Millionen Bundesbürger.
In den Regionalgruppen des Klubs Langer Menschen treffen sich die Großen, um ihre Freizeit auf einer Augenhöhe zu verbringen und sich über ähnliche Probleme auszutauschen. Monika Witterhold ist Mitglied beim KLM in Frankfurt. Dort hat sie ihren Freund Frank Grünler kennen gelernt. Der 2,04 Meter große Mann saß noch nie bequem in einem Auto und wünscht sich eine Küche, in der er sich beim Kochen nicht mehr bücken muss. Der 33-Jährige hat aber auch einige Vorteile in seiner Körperlänge entdeckt: «Ich kann im Kino immer gut sehen und ohne Leiter meine Wohnung tapezieren.»